Politics

Auf dem Weg in den Westen: Im Evakuierungszug der ukrainischen Eisenbahn




Reportage

Stand: 10.05.2022 13:31 Uhr

Viele von ihnen haben den Krieg im Osten der Ukraine hautnah erlebt, Schutz in Kellern gesucht, Raketenangriffe gesehen. Nun sind die Menschen auf dem Weg nach Westen – mit einem Evakuierungszug.

Eine Reportage von Andrea Beer, ARD-Studio Moskau, zzt. in Dnipro/Ukraine

Am Bahnhof der Stadt Dnipro im Südosten der Ukraine. Zwischen Pokrow im Osten und Lwiw im Westen macht ein Evakuierungszug der ukrainischen Eisenbahn einen längeren Zwischenstopp. Sergej vertritt sich auf dem Bahnsteig die Beine. 

Der drahtige 66-Jährige im schwarzen Sweatshirt kommt aus Liman in der Region Donezk und will in Winnitzja aussteigen – er wirkt ruhig und doch erschüttert. Sergej erzählt:

Hier sind viele aus Lyman. Jetzt ist es unmöglich, dort zu leben. Es gibt ständig Explosionen und Bombardierungen. Jeden Tag und jede Nacht. Wir haben buchstäblich im Keller gelebt. Alles brennt dort – auch die umliegenden Wälder. Es ist so ein starker Rauch, dass man die Sonne nicht mehr sieht. Ein Armageddon.

Sergejs Frau Natalja hat die grau-schwarz gemusterte Katze Mila auf der Schulter. Lyman sei praktisch leer, sagt sie, denn bis auf die Alten seien alle weg. “Gestern ist direkt neben mir eine Rakete eingeschlagen. Etwa 20 Meter entfernt”, erzählt Natalja. Sie habe gerade die Katze füttern wollen, als die Rakete das Nachbarhaus getroffen habe. “Es ist vollständig abgebrannt”, ergänzt ihr Mann, sichtlich geschockt. 

Der gemeinsame Sohn sei schon vor einigen Wochen weg aus Liman. Das Ärzte-Ehepaar hofft nun auch anderswo in der Ukraine Arbeit zu finden.

Ärztin Natalja aus Liman steht mit ihrer Katze Mila am Bahnhof Dnipro.

Bild: Andrea Beer

Einen Geburtstag auf der Flucht

Seit rund zwölf Stunden ist der Zug schon unterwegs und eine kleine alte Dame hievt sich aus einem der blau-gelben Waggons – den braunen Hund Toscha im Schlepptau. An ihrem 75. Geburtstag hat Klara Ivanivna ihre Heimatstadt Kramatorsk verlassen. Ein schwerer Gang, den ihr das Eisenbahn-Team aus Dnipro erleichtern möchte. “Wir gratulieren”, rufen sie.

Evgenij Dragan überreicht der perplexen Frau einen kleinen Kuchen. Der ruhige schwere Mann überragt sie locker um zwei Köpfe. Als sie ihm um den Hals fällt, muss er sich weit hinunterbeugen.

Jewgenyj Dragan von der Eisenbahn überreicht Klara Ivanivna aus Kramatorsk ein Geburtstagsgeschenk.

Bild: Andrea Beer

Freiwillige helfen mit Nahrung

Dragan trägt die blaue Uniform der Eisenbahn. Freiwillige halten 400 Lebensmittelpakete bereit, doch in den sechs Waggons sitzen nur rund 200 Menschen. Zu Beginn seien die Züge brechend voll gewesen, doch viele seien bereits geflohen, meint er.

Unsere Aufgabe ist es, die Menschen von A nach B zu bringen. Wir beruhigen sie, so dass sie in Ruhe reisen können. Mit ihren Haustieren und ihren Sachen.

Die ukrainische Eisenbahn habe eine Webseite und das Team habe Tablets, “mit denen wir Unterkünfte für die Menschen suchen können und Essen”. In Lwiw treffen sie Freiwillige, die ihnen bei allem helfen, erzählt der Mann weiter.

Bahn-Mitarbeitende in Gefahr

Für die Bahn-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter ist das brandgefährlich. Schon das bloße Warten an einem Bahnhof birgt ein Risiko, da Russland die Infrastruktur systematisch zerstört. Anfang April starben mindestens 50 Menschen bei einem russischen Raketenangriff auf den Bahnhof in Kramatorsk. Im Mai griff die russische Armee mehrere Eisenbahn-Knotenpunkte in der Zentral- und Westukraine an.

“Einfach alles ist nun anders”, sagt Schaffnerin Svitlana Storoschko, die seit mehr als 40 Jahren bei der Eisenbahn arbeitet. “Früher fuhren wir bis Moskau. Heute droht von dort die tödliche Gefahr.”

Am Anfang sei die Eisenbahn ja nicht angegriffen worden. Jetzt gebe es immer öfter Angriffe auf Züge. “Wir beten und hoffen, dass dieser Alptraum bald ein Ende hat”, sagt sie.

Kinder fragen nach ihrem Zuhause

In einem der Abteile versucht Swetlana unterdessen, ihre kleine Tochter zu beruhigen. Noch nicht sprachsicher, aber unmissverständlich formuliert die Kleine: “Ich möchte nach Hause. Mama, ich möchte nach Hause.”

“Keine Angst”, beruhigen sie die große Schwester und ihre Mutter. Die 30-jährige Krankenschwester ist mit ihrem Mann und zwei Töchtern von Liman in der Region Donezk nach Lwiw unterwegs. Ihre Augen füllen sich mit Tränen.

Gestern gab es wieder Beschießungen, die Kleine ist losgerannt und hat gesagt: ‘Mama, da sind Männer, die schießen, wir müssen in den Keller‘.

Die junge Mutter habe “so geweint”. Und als sie das Rattern des Zuges gehört habe, “dieses Tuk Tuk Tuk”, habe sie gefragt, “Mama, sind das Schüsse?”Darauf erklärte die Mutter, das sei das Geräusch der Räder.

Ein kleiner Junge steht am Bahnhof Dnipro.

Bild: Andrea Beer

Fahrt in ungewisse Zukunft

So langsam geht es wieder ans einsteigen. Eine Eisenbahnmitarbeiterin hat den kleinen braunen Hund von Klara Ivanivna ausgeführt, doch er hat “nichts gemacht”, wird berichtet. Die alte Dame seufzt: “Ich will so sehr nach Hause”.

Klara Ivanivna und die anderen kommen nun erst einmal unter in Flüchtlingsunterkünften, bei Freunden, Verwandten oder Bekannten. Und der Zug verlässt den Bahnhof in Dnipro in eine ungewisse Zukunft.



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