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Ausstellung „Mutter“ in der Kunsthalle Mannheim


An Weihnachten wird zumindest in der christlichen Welt verstärkt an Geburt gedacht, wurde doch am 24. ein besonderes Kind von einer besonderen Mutter zur Welt gebracht, aber auch viele Menschen, die sich in Kindestagen, nur einmal beschenkt, als Pechvögel fühlten – darunter gar nicht wenige Künstler wie etwa der französische Maler Pierre Soulages, der heute biblische 102 Jahre alt wird. Wenn die Mannheimer Kunsthalle sich nun der Mutterschaft in ihrer ganzen Breite widmet, könnten alle Männer sowie Verächter der Siebzigerjahre, in denen das Thema am stärksten debattiert wurde, gelangweilt abwinken. Das wäre eine ärgerlich verpasste Chance.

Ist doch das Thema „Mutter“ in der Kunst eines, das nicht nur an den „Ursprung des Lebens“ rührt, wie der Untertitel der Ausstellung lautet, sondern auch den Ursprung der Kunst selbst reflektiert. Die ältesten Artefakte der Menschheit sind bekanntlich aus Bein geschnitzte oder aus Ton geformte Abbilder von Frauen, darunter viele Schwangere. Die Fruchtbarkeit verkörpernde Venus von Willendorf ist zwar nicht in Mannheim zu sehen, dafür zahllose Kykladenidole und präkolumbische Mutterfiguren von 1000 vor Christus. Mit dem Beginn menschlicher Darstellung fällt aber auch der Anfang einer seither immer wieder geübten Differenz zwischen dem Gesehenen und dem Gefühlten zusammen: Aus dem Bauch einer der präkolumbischen Figurinen ragt der lebensnah gestaltete Kopf eines Kindes, der Leib der Gebärenden selbst ist jedoch abstrahiert wie eine Figur von Henry Moore (von dem nicht weniger als sechs Bronzefiguren in der Schau zu sehen sind). Bei einer anderen, 2300 Jahre alten irdenen Mutter ist der Kopf gar nur ein abstrakter Henkel. Zugespitzt könnte man ein Überkreuzungsprinzip formulieren: Während das zur Welt kommende Leben stets konkret und naturalistisch gestaltet ist, wird die übergeordnete lebensspendende Instanz eher ab­strakt behandelt. Und zwar über Jahrtausende hinweg.

Eine kantige Kopfkontur wie bei Zoomkonferenzen mit digital verschleiertem Hintergrund: Dierick Bouts „Madonna mit Kind“, nach 1454.





Bilderstrecke



Ausstellung „Mutter“ Mannheim
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Auf Gedeih und Verderb verbunden


Die als Blickfang an den Beginn der Ausstellung gehängte traumschöne „Madonna mit Kind“ des Frühniederländers Dierick Bouts bringt in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts die vielen Paradoxien auf den Punkt: Während der Körper des Kindes weich, mit dem deutlichem Brustansatz fast weiblich ausmodelliert ist, bleibt die Gottesmutter in ihrem himmelblauen Lapislazuli-Mantel und dem perfekten Gesicht mit hoher Stirn unnahbar und entrückt; indem Bouts die Madonna nicht auf einen Hintergrund mit Blattgold setzte, sondern mit Goldfarbe um ihren Kopf herum malte, ist dessen Kontur ungewöhnlich kantig, der Gott selbst repräsentierende Goldglanz scheint in ihr Haupt einzufließen. Das Kind wirkt zudem im Gesicht wie ein Erwachsener, sein bereits recht langes Haar ist ordentlich gekämmt und gescheitelt, die Füße in Vorwegnahme des Todes überkreuzt. Abgeklärt wie ein Juwelier mustert es die Einschlüsse der Bergkristallkugel in seiner Hand, die zusammen mit blutroten Korallenperlen seine Mutter ihm doch eigentlich als Talismankette und Symbol für ihre sieben Schmerzen und Freuden um den Hals gelegt hat.

Über Jahrhunderte waren derartig bedeutungsgeladene Darstellungen der „Gottesmutter mit Kind“ prägend für die Kunst, und immer wieder entsprangen aus dieser Konstellation neue Bilder wie die Pietà, bei der der tote Sohn meist wie bei Michelangelo gleichaltrig im Schoß der Mutter liegt (die Ikonografie der Pietà, der Abschied der Mutter vom Kind, aber auch der Sponsa-Braut vom Bräutigam bleibt leider ausgespart in Mannheim). Dass solche Altersparadoxien noch Surrealisten wie Magritte begeisterten, zeigt sich in dessen „Geist der Geometrie“ von 1936: Ein kahler Babykopf ruht auf breiten Mutterschultern, das Haupt des Wickelkinds im Arm des Riesenbaby krönt dagegen ein Frauenkopf.



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