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Corona im Pflegeheim: Am Rand der Kräfte – und darüber hinaus


Stand: 19.12.2021 09:15 Uhr

Vor einem Jahr wütete Corona auch im “Haus im Schelmenholz” in Winnenden bei Stuttgart. Die Impfung hat seitdem Schlimmeres verhindert – aber das Virus bestimmt auch weiterhin den Alltag im Pflegeheim.

“Es ist so still geworden”, sagt Dorothea Schmidt und kämpft mit den Tränen. Vor ihr steht ein Teller mit Torte. Die übrigen Plätze an ihrem Tisch im Frühstücksraum sind unbesetzt. Vor zwei Wochen gab es in ihrem Wohnbereich wieder “zwei Fälle”. Wieder hat das Virus seinen Weg durch alle Sicherheitsschleusen ins “Haus im Schelmenholz” in Winnenden gefunden.

Für die Bewohnerinnen und Bewohner auf dem Flur bedeutetet das wieder Quarantäne: kein Gemeinschaftsleben mehr auf dem Flur, alle Mahlzeiten einzeln im Zimmer. Glücklich ist, wer regelmäßig Besuch bekommt. Aber die Tochter von Dorothea Schmidt kommt nur einmal die Woche. Für die alte Dame im Rollstuhl bedeutet Corona vor allem eines: “Einsamkeit”. Dann werden ihre Augen wieder feucht.

Lena Reppekus weiß, wie sehr auch kleine Einschränkungen im Alltag die Stimmung auf dem Flur trüben. Seit fast zwei Jahren lebt die Pflegefachkraft mit dieser Spannung: den strengen Hygiene- und Abstandsregeln auf der einen, und der Sorge, dass die alten Menschen den Lebensmut verlieren, auf der anderen Seite. Im Teamraum läutet fast ununterbrochen die Klingel. Das kann einen Notfall bedeuten, oder auch nur den Wunsch, beim Gang ins Bad begleitet zu werden. Und oft ist es auch nur die Sehnsucht, ein vertrautes Gesicht im Raum zu sehen – wenn auch nur hinter der Maske.

Pflegefachkraft Lena Reppekus und Bewohnerin Dorothea Schmidt bewundern den Weihnachtsbaum im Haus.

Bild: Arnd Henze /WDR

Unverständnis über Maßnahmen und Entscheidungen

Fast alle Bewohner sind inzwischen geboostert, auch beim Personal liegt die Quote deutlich über dem Durchschnitt. Das mag auch daran liegen, dass allen noch die Weihnachtszeit vor einem Jahr in den Knochen steckt. Da wütete Corona im ganzen Heim. Am Ende starben 16 Bewohner, eine Pflegekraft lag wochenlang auf der Intensivstation und leidet noch immer an den Spätfolgen.

In der Impfphase Anfang des Jahres war man deshalb mit großen Hoffnungen dabei. Dass mit den Boosterimpfungen viel zu spät begonnen wurde, versteht niemand, den man fragt. Auch nicht, dass in Baden-Württemberg erst ab kommender Woche die 2G-Regel beim Betreten in Heimen gelten soll. Da gehe es schließlich nicht nur um nahe Angehörige, sondern auch um Friseurinnen, Physiotherapeuten und andere externe Dienstleister, die das Virus ins Haus bringen könnten, erklärt Reppekus. Deshalb findet sie eine Impflicht für Pflegeeinrichtungen zwar richtig, aber wichtiger wäre die Impfpflicht für alle. “Das ist auch nur fair und gerecht”, findet sie.

Beruflicher Ethos versus Überforderung

Heimleiterin Kristina Baumstark ist überzeugt, dass die Mehrheit im Team so denkt. Immerhin liegt die Impfquote im Team bei über 85 Prozent. Für manche bedeute die Impflicht vielleicht auch einen gesichtswahrenden Weg, sich doch noch impfen zu lassen. Trotzdem werde es Konflikte geben: “Da wird es wohl auch ein paar Kündigungen geben.”

Baumstark kam über ein Freiwilliges Soziales Jahr zur Pflege und hat den Beruf von der Pieke auf gelernt. Sie weiß, dass sie ihre Mitarbeiterinnen manchmal drängen muss, ein paar Tage zu Hause zu bleiben, wenn die Kräfte erschöpft sind. Denn so groß der Frust unter Pflegekräften auch ist: Bewohner und Kollegen nicht im Stich zu lassen, gehört so stark zum beruflichen Ethos, dass die Grenze zur chronischen Überforderung schnell außer Acht gerät.

Auch Sigrid Bubeck nimmt beim Personal eine immer stärkere Anspannung wahr – und schwärmt zugleich von der liebevollen Fürsorge, die ihr demenziell erkrankter Mann im Heim erfährt. Nun besucht sie ihn täglich, füttert ihn, hilft bei der Körperpflege und erzählt ihm von Verwandten und alten Freunden. Sie hat dafür viele soziale Kontakte reduziert, um das Risiko für ihren Mann, mit dem sie seit 54 Jahren verheiratet ist, so gering wie möglich zu halten. Auch deshalb brauche es nun endlich eine Impfpflicht: “Mit Freiwilligkeit hat es ja nicht geklappt.”

“Die Grenzen sind bereits überschritten”

Bernhard Schneider muss seinen Zorn mitunter professionell zügeln. Als Hauptgeschäftsführer der Evangelischen Heimstiftung Württemberg ist er nicht nur für das “Haus im Schelmenholz” in Winnenden, sondern auch für 89 weitere Pflegeheime verantwortlich. Ob Testen, Impfen oder aufwendige Besuchsregelungen: Oft war die Heimstiftung den mühsamen Entscheidungsprozessen von Politik und Behörden mit eigenen Lösungswegen voraus. Das hat Kraft gekostet und das Personal an die Belastungsgrenze gebracht.

Schneider kann das in Zahlen belegen: Der Berg an unabgegoltenen Überstunden hat sich bei den 9300 Mitarbeitenden seit Beginn der Pandemie verdreifacht. Kein Wunder, dass der Krankheitsstand vierten Welle deutlich gestiegen ist: “Die Menschen opfern sich für ihre Arbeit auf. Aber es gibt Grenzen, und die sind bereits überschritten.”

Im “Haus im Schelmenholz” schiebt Lena Reppekus den Rollstuhl von Dorothea Schmidt in die große Kapelle. Vor einem Jahr konnte es wegen des großen Corona-Ausbruchs gar keine Weihnachtsfeier geben. Nun feiern die Wohngruppen getrennt und mit Abstand verteilt auf vier Tage. Für das Personal bedeutet das Mehrarbeit. Aber für die Bewohner im dreitten Stock ist es das erste Wiedersehen mit den Zimmernachbarn nach zwei Wochen Quarantäne. Weihnachtsstimmung stellt sich trotzdem nur zögerlich ein – statt Wiedersehensfreude wirkt es, als müsse man sich erst neu an andere gewöhnen. Wo vor Corona bei “Oh, Du Fröhliche” laut mit gesungen wurde, dringen heute nur ein paar schüchterne Stimmen hinter den Masken hervor.

Mehr zu diesem und anderen Themen sehen Sie im “Bericht aus Berlin” um 18.05 Uhr im Ersten.



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