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Coronavirus in Shanghai: Hunger und Frust im Lockdown


Stand: 14.04.2022 10:28 Uhr

Die Lage in Shanghai bleibt angespannt: Die Millionenstadt befindet sich nach wie vor in einem strikten Lockdown. Hilferufe von Bewohnern kursieren – sie klagen über Hunger und schlechte Versorgung. Ein Ende der Maßnahmen ist dennoch nicht in Sicht.

Von Benjamin Eyssel, ARD-Studio Peking

Ein alter Mann ruft bei einem Mitarbeiter seines Wohnviertels an. Er habe nichts mehr zu Essen, sagt er. Und fragt, was er machen soll. Der Mitschnitt dieses Anrufs kursiert in chinesischen Online-Netzwerken. Der alte Mann ist verzweifelt. Und der Mitarbeiter ist es auch. Er sagt, er wisse nicht, was er machen soll. Es gebe viele Menschen wie den alten Mann.

Immer wieder tauchen Hilferufe wie diese auf von verzweifelten Menschen, die zu wenig zu Essen haben. Auch kursieren Videos von Streits zwischen Einwohnern und Behördenmitarbeitern und von kleineren Protesten. Nicht immer ist alles zu verifizieren. Vieles wird von den Zensurbehörden schnell gelöscht.

Schwierige Versorgung von Millionen Städtern

Es ist nach wie vor eine große Herausforderung, die mehr als 25 Millionen Einwohner in Shanghai mit Essen zu versorgen, von denen die meisten ihre Wohnungen und Häuser nicht verlassen dürfen. Die Behörden bemühen sich, Abhilfe zu schaffen. Doch es gibt Berichte von Lastwagenfahrern, die nicht nach Shanghai hineinfahren wollen, weil sie Angst haben, die Stadt nicht mehr verlassen zu dürfen. Auch gibt es zu wenige Fahrer von Lieferdiensten.

Für Aufsehen sorgen auch die teils katastrophalen Zustände in den zentralen Massenunterkünften. Menschen, die positiv auf das Coronavirus getestet werden, müssen in eine staatliche Isolationseinrichtung und dürfen nicht zuhause bleiben. Betten stehen in großen Hallen häufig dicht an dicht gedrängt, die sanitären Anlagen sind verschmutzt.

Immer mehr Zweifel an Null-Covid-Politik

Der Ausbruch in Shanghai ist der größte in China seit dem Beginn der Pandemie in der Stadt Wuhan vor zwei Jahren. Angesichts der hochansteckenden Omikron-Variante kommen immer mehr Zweifel auf an der strikten Null-Covid-Politik der Staats- und Parteiführung. Doch diese will nicht davon abrücken.

Insgesamt haben die Behörden in Shanghai mehr als 250.000 Corona-Fälle registriert. Und täglich kommen mehr als 20.000 neue Fälle dazu. Dass die Ansteckungszahlen nach wie vor so hoch sind, liege an der Omikron-Variante BA.2, erklärt Wu Huanyu von der Pandemiebehörde der Stadt Shanghai. Die Virus-Variante verbreite sich rasant und sei schwer zu entdecken. Die meisten Ansteckungen gebe es innerhalb von Familien. Wegen der durchschnittlichen Inkubationszeit von drei bis fünf Tagen, würden Neuansteckungen immer erst in den folgenden Testrunden entdeckt.

Lage vor Ort kaum überprüfbar

Offiziell gibt es in der Stadt bislang keine Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19. Berichte, wonach zahlreiche Menschen in Altersheimen gestorben sein sollen, lassen stark an dieser Darstellung zweifeln. Auch von Fällen, in denen Menschen medizinische Behandlung verweigert wurde, weil sie ihre Wohnungen nicht verlassen durften, wird berichtet.

Außerdem haben sich offenbar mehrere Menschen das Leben genommen. Die Fälle sind schwer zu verifizieren. Auch Journalisten dürfen sich in Shanghai nicht frei bewegen.

Großer wirtschaftlicher Schaden

Die gesamte Stadt befindet sich seit zwei Wochen im Lockdown, manche Stadtteile schon länger. Wie lange die Ausgangsverbote noch gelten, ist unklar. Zwar dürfen sich Menschen nach offiziellen Regeln in ihrem Viertel bewegen, wenn es dort längere Zeit keine Fälle gab. Die meisten der mehr als 25 Millionen Einwohner müssen aber weiter in ihren Wohnungen bleiben.

Der Lockdown richtet auch großen wirtschaftlichen Schaden an. Internationale Firmen kämpfen mit unterbrochenen Lieferketten. Viele Unternehmen in der Wirtschaftsmetropole Shanghai haben ihre Produktion eingestellt. Fast alle Geschäfte sind geschlossen. Das von der Regierung vorgegebene Wachstumsziel für dieses Jahr von 5,5 Prozent erscheint immer unwahrscheinlicher.



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