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Dann wäre Putin ein Gewinnender


Angesichts des Kriegs in der Ukraine gibt es natürlich drängendere Themen als das Gendern. Aber erstens sind Symbole wichtig, siehe EU-Beitrittskandidatenstatus, und zweitens kann man den Leuten ja nicht befehlen, was sie aufzuwühlen hat, in einer Demokratie schon gar nicht. Wie sagte der Kommunarde und Linksterrorist Dieter Kunzelmann: „Was interessiert mich der Vietnam-Krieg, wenn ich Orgasmus-Schwierigkeiten habe?“

Also soll es hier und heute um die besonders gendersensiblen substantivierten Partizipien gehen. Dass Partizipien auf Partizipation, also auf Teilhabe an Sätzen angelegt sind, ergibt sich ja schon aus der lateinischen Herkunft des Wortes. Dass sie darüber hinaus in besonderer Weise zu unserer Zeit passen, zeigt der Umstand, dass sie sich nicht auf eine Identität festlegen lassen. So wie die F.A.Z. inzwischen mühelos zwischen TikTok und Thomas Mann hin- und herspringt, so oszilliert das Partizip zwischen Verb und Adjektiv, wobei bei den hier behandelten Wörtern das Substantivische noch hinzukommt.

Die zurückliegenden Jahre waren geprägt durch das Partizip Perfekt: getestet, geimpft, geboostert, genesen. Doch irgendwann dämmerte es den Leuten, dass von „perfekt“ keine Rede sein konnte und die angeblich Genesenen oft bloß Genesende (wenn nicht Gewesene) waren. So begann der Siegeszug des Partizip Präsens, das, nomen est omen, sowieso am besten zur jeweiligen Gegenwart passt.

Müsste es nicht auch „der Butter“ heißen?

Inzwischen wimmelt es in Behörden, Parteien und Gazetten (nicht unbedingt in Gesprächen) von „Flüchtenden“, „Ausbeutenden“, „Menstruierenden“, „Studierenden“. Was viele an diesen Endungen so toll finden: dass alle Geschlechter, nicht zuletzt das weibliche, mit eingeschlossen würden. Andere halten das für so wenig zu Ende gedacht wie die deutsche Russlandpolitik. Zeigt nicht gerade die Debatte über Leute, die trotz Penis in die Frauensauna wollen, dass Endungen rein gar nichts über Geschlechtszugehörigkeit aussagen? Butter etwa endet auf männlich -er, es müsste also, wie im reaktionären Schwaben nach wie vor gängig, „der Butter“ heißen, und doch hat sich, als Geste des Fortschritts, weithin „die Butter“ durchgesetzt.

Die Bundesregierung, um die auch mal zu erwähnen, hat den Vorteil, dass von ihren Mitgliedern schon länger als „Regierende“ statt „Regierer“ gesprochen wird. Aber wie sieht es bei Parlamentariern aus? Will man dieses Wort ersetzen durch ein Partizip, fragt man sich sogleich: Was machen die eigentlich? Sind es Vertretende? Sitzende? Masken Vermittelnde?

Kann man ein Wählender sein, wenn man nicht wählt?

Eine andere wichtige Frage wurde durch einen „Zeit Online“-Artikel zur NRW-Wahl aufgeworfen. Es hieß darin: „Viele andere Wählende blieben dagegen diesmal zuhause.“ Kann man ein Wählender sein, wenn man gar nicht wählt? Ist man nur dann ein Wählender, wenn man im Wahllokal sitzt? Sind „Flüchtlinge“ auch am Ankunftsort ihrer Wahl weiter „Flüchtende“, weil der Mensch, der ja nur Gast auf Erden ist, immer vor irgendwas wegläuft?

Oder muss man, sobald sie deutschen Boden betreten haben, das auch geläufige „Geflüchtete“ verwenden, um ein Zeichen zu setzen, dass sie sich hier angekommen fühlen können? Schließlich: Gibt es einen Unterschied zwischen „die Regierung liefert schwere Waffen“ und „die Regierung ist eine schwere Waffen Liefernde“? Scholz würde hier sein vielsagendes Grinsen aufsetzen und ganz klar sagen: Euch Jungs und Mädels muss ich mal sagen: Ja.

Der Hinweis auf die „Wählende“-Problematik verdankt sich übrigens dem Kollegen Jan Fleischhauer. Es würde nicht wundern, wenn Leute mit Nachnamen, die auf das Personalpronomen „er“ auslauten, besonders gendersensibel wären, da sie fürchten müssen, auch gegendert zu werden, als „Fleischhauende“ oder „Schuhmachende“.

Zumindest nicht ein Verlierender

Besonders vertrackt könnte es bei allen mit Namen Bauer werden, wenn sie sich künftig als „Bauende“ missverstanden fänden. Natürlich könnte man es machen wie die Russen, einfach ein „a“ anhängen bei den Frauen. Davor jedoch kann man nur warnen. Denn wenn wir das binäre System der Geschlechtlichkeit nicht hinter uns lassen, wäre Putin wirklich ein Gewinnender – oder zumindest nicht ein Verlierender.



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