Politics

Lang und Nouripour kandidieren: Ein Grünen-Duo, das nicht leise sein will


Stand: 27.12.2021 12:43 Uhr

Die Grünen stehen vor einem Wechsel an der Parteispitze: Baerbock und Habeck geben ihre Ämter ab, als neue Doppelspitze bewerben sich Ricarda Lang und Omid Nouripour. Wofür stehen sie?

Von Kristin Joachim und Christian Feld, ARD-Hauptstadtstudio

Annalena Baerbock und Robert Habeck haben längst ihre Ministerien übernommen. Das hat zur Folge, dass sie bald ihre Büros in der Parteizentrale räumen werden. Zwar haben die Grünen ihre Prinzipien mit der Zeit etwas gelockert, dennoch gilt die Trennung von Amt und Mandat als wichtiger Grundsatz.

Für die Nachfolge haben die Parteilinke Ricarda Lang und der Realo Omid Nouripour ihr Interesse angemeldet. Für weitere Kandidaturen gibt es aktuell keine Anzeichen. Beide sind in der Partei flügelübergreifend beliebt. Ihnen käme die Aufgabe zu, die Grünen in der neuen Rolle als Regierungspartei zu führen.

Sollte Ricarda Lang am 29. Januar auf dem Parteitag gewählt werden, wäre sie die jüngste Parteichefin auf Bundesebene, die es bislang gab. 28 Jahre ist sie dann kurz vorher geworden, gerade noch jung genug, um noch immer Mitglied der Grünen Jugend zu sein. Als deren Vorsitzende ist sie bekannt geworden. Das war 2017 bis 2019. Danach ging es direkt in den Bundesvorstand der Grünen, als stellvertretende Bundesvorsitzende und frauenpolitische Sprecherin. In den Koalitionsverhandlungen gehörte sie zum innersten Zirkel.

Überzeugte Feministin

Lang ist überzeugte Feministin, gilt als politisches Talent und gute Rednerin. Als Tochter einer alleinerziehenden Mutter, die lange in einem Frauenhaus gearbeitet hat, sind ihr soziale Themen nah. Das klassische grüne Öko-Thema sei nicht der ursprüngliche Grund gewesen, Mitglied zu werden. “Mein politischer Antrieb war immer die Gerechtigkeitspolitik”, sagt Lang im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio: “Erst die Auseinandersetzung mit den Folgen der Klimakrise und im Kontakt mit der Klimabewegung habe ich gemerkt, wie existenziell dieses Thema ist.”

Sie gilt als politisches Talent: Ricarda Lang will Grünen-Chefin werden.

Bild: dpa

Ihre Themenpalette ist breit: Sie setzt sich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ein, für Reformen im Gesundheits- und Pflegesystem – schon vor Corona. Vor allem aber kämpft sie für Toleranz, gegen Hass und Hetze. Das ist auch ein sehr persönlicher Kampf. Kaum jemand in ihrer Partei wird derart häufig und aggressiv in den sozialen Netzwerken angegangen wie sie. Ihre Tweets werden oft hämisch kommentiert, es geht meist um ihr Äußeres.

Kaum hatte sie ihre Kandidatur öffentlich gemacht, wurde sie vor allem von AfD-Politikern beleidigt. Doch solche Shitstorms lösen immer auch eine riesige Welle an Sympathie- und Solidaritätsbekundungen aus. Parteiübergreifend. Lang kontert diese Angriffe selbstbewusst, zeigt Hetzer auch an und hat den Umgang mit dem Thema Bodyshaming zu einem ihrer Kernanliegen gemacht.

Mal dunkler Anzug, mal Kapuzenpulli

Ein ganz anderer Politikertypus ist Omid Nouripour. Wer glaubt, sich nach der ersten Begegnung ein Bild machen zu können, muss scheitern. Mal begegnet einem der Außen- und Sicherheitspolitiker im dunklen Anzug. Ein weitgereister Bundestagsabgeordneter, Vorstandsmitglied im Verein Atlantik-Brücke.

Profilierter Außenpolitiker: Omid Nouripour im Bundestag.

Bild: dpa

Oder man sieht das Schwarz-Weiß-Bild des Fotografen Salar Baygan, der wie der Politiker im Iran geboren wurde und jetzt in Frankfurt lebt. Nouripour sitzt auf einem Sofa in Jeans und Lederjacke, die Kapuze des Hoodies über den Kopf gezogen. Schaut er nachdenklich oder ironisch ernst? Gibt er die erwachsene Version des früheren Rappers MC Omid? Alles möglich.

Vielleicht findet die erste Begegnung aber auch im Stadion der Frankfurter Eintracht statt. Bei YouTube findet sich ein Video mit Nouripour als Radio-Kommentator. “Hol mal einen Arzt!”, brüllt er, nachdem Frankfurt in letzter Minute gewonnen hatte.

Ein “Traumjob”

Nouripour, der bei der Bundestagswahl seinen Wahlkreis Frankfurt gewonnen hat, will nun Vorsitzender der Grünen werden. Das Amt nennt er im Gespräch mit dem ARD-Hauptstadtstudio einen “Traumjob”, “weil ich die Möglichkeit habe, dieser Partei, die mir so viel gegeben hat, etwas zurückzugeben”.

Er bringt dabei eine Erfahrung mit, die sich in Zeiten der Ampel-Regierung als wertvoll erweisen könnte: Zu Zeiten der ersten Bundesregierung mit grüner Beteiligung war Nouripour Mitglied des Bundesvorstands. Gute Zeiten, schlechten Zeiten. Nouripour hat erlebt, wie Bundeskanzler Gerhard Schröder die Regierungswelt in Koch und Kellner einteilte. Das erklärt wohl das Signal, das der grüne Bundestagsabgeordnete kürzlich dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Rolf Mützenich sandte. Der hatte am Morgen der Vereidigung der Regierung davon gesprochen, die deutsche Außenpolitik werde “insbesondere im Kanzleramt” gesteuert. Die Twitter-Antwort kam schnell und scharf: Nie wieder Koch-Kellner-Logik, bitte!

Nouripour hat sich für den Fall der Wahl vorgenommen, das Profil der eigenen Partei in der Dreier-Konstellation zu schärfen. Um deutliche Worte ist der Grüne nicht verlegen. Außenminister Heiko Maas hatte er öffentlich “außenpolitische Ambitionsfreiheit” vorgeworfen. Später saßen beide am selben Verhandlungstisch, um am Ampel-Koalitionsvertrag zu arbeiten.

Sie kennen und sie schätzen sich

Seine mögliche politische Partnerin an der Parteispitze kennt Nouripour schon lange. Lang und Nouripour mögen und schätzen sich. Ihre jeweilige Kandidatur war zwar nicht direkt abgesprochen, aber doch wussten beide voneinander. Sie müssen in große Fußstapfen treten. Baerbock und Habeck galten bis zur Verkündung der Kanzlerkandidatur bei den meisten in der Partei als “Dreamteam”.

Ein “Dreamteam”, das inzwischen Risse bekommen hat. Nun führen Baerbock und Habeck zwei Ministerien und geben ihre Ämter an der Parteispitze ab.

Bild: dpa

Die möglichen Neuen für die Spitze ergänzen sich thematisch fast komplementär. Nouripour bringt die Erfahrung aus der früheren Regierungsbeteiligung mit, Lang hat die vergangenen vier Jahre im Vorstand erlebt: Es war eine Zeit, als sich die Partei für breitere Wählerschichten öffnen wollte, als zum ersten Mal ein Wahlkampf mit einer Kanzlerkandidatin geführt wurde. Sie hat aber auch all die Fehler, die dort gemacht wurden, hautnah miterlebt.

Ihr Job: “Den Laden zusammenhalten”

Jetzt sind die Grünen Teil der Regierung, nicht alle Entscheidungen werden auf Linie der Partei liegen. Die Zeit der demonstrativen Harmonie dürfte vorbei sein. Die größte Herausforderung für die neue Spitze sei es, “den Laden zusammenzuhalten”, wie es einige in der Partei formulieren. Sie müssen den mittlerweile 125.000 Mitgliedern auf der einen Seite die Regierungspolitik erklären und gleichzeitig der Regierung die Themen der Partei nahebringen.

Sowohl Nouripour als auch Lang wissen, dass die Grünen eine Art Mitmachpartei, eine Bündnispartei sind. Viele der Neu-Mitglieder der vergangenen Jahre sind vor allem eingetreten, weil sie etwas bewegen wollen. Nouripour sagt: Nicht der Koalitionsvertrag sei der Maßstab, sondern das Parteiprogramm – ohne illoyal der Koalition gegenüber zu werden. Die Partei müsse sichtbar bleiben neben den grünen Kabinettsmitgliedern und der Fraktion.

Die Grünen sind eine Mitmachpartei – hier ein Foto vom Parteitag Ende 2019.

Bild: DAVID HECKER/EPA-EFE/REX

Partei soll eigenständig sein

“Die Partei darf nicht wie ein Schiedsrichter am Spielfeldrand stehen und den Daumen hoch oder runter machen”, sagt auch Lang. “Sie muss eine eigenständige Spielerin auf dem Feld sein, also ihre eigene Rolle finden.” Das bedeute: Die Umsetzung des Koalitionsvertrags unterstützen und gleichzeitig über den Regierungsalltag hinausdenken und das Profil der Grünen weiter schärfen.

Weiterhin wollen die Grünen breitere Wählerschichten anzusprechen, so wie es Baerbock und Habeck bereits begonnen haben. Manche in der Partei wünschen sich, Konflikte – auch mit anderen Parteien – offener auszutragen, ihnen nicht aus dem Weg zu gehen. Sie beziehen sich dabei auch auf den Wahlkampf und teilweise die Koalitionsverhandlungen. Entgegenkommen, vernünftig sein – das war der Ansatz. Er war jedoch nicht immer erfolgreich. So sehen es Vertreter der Grünen Jugend und des linken Flügels rückblickend. Vielmehr sei Abgrenzung wichtig – auch gegenüber Koalitionspartnern. Und es wird eine Zeit kommen, in der die Ampel-Parteien wieder in den Wahlkampf ziehen. Bei der grünen Kanzlerkandidatur muss es ja auch nicht beim einmaligen Versuch bleiben.

Die neuen Parteivorsitzenden müssen sich auf vieles einstellen, nur nicht auf Langeweile.





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