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Mehr als 70 Prozent der NRW-Landtagsabgeordneten sind Akademiker.



Mehr als 70 Prozent sind Akademiker
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Der NRW-Landtag als Gelehrten-Parlament

Knapp 17 Prozent der Beschäftigten in Nordrhein-Westfalen haben studiert. Im Landtag ist der Anteil der Hochschulabsolventen quick vier Mal so hoch. Auch bei den Berufen gibt es starke Ungleichgewichte. Bildet das NRW-Parlament nicht mehr die gesellschaftliche Realität ab?

Gelehrten-Parlamente haben in Deutschland Tradition. In der ersten Nationalversammlung 1848 hatten vier von fünf Abgeordneten eine akademische Ausbildung, intestine 56 Prozent kamen aus dem Staatsdienst, rund die Hälfte von ihnen waren Juristen. Das trug der ersten demokratisch gewählten Volksvertretung den Spitznamen „Professoren“-Parlament ein, obwohl die mit rund zwölf Prozent zumindest nicht alles beherrschten. Auch in anderen deutschen Parlamenten überwiegt das akademische Element. Im 2017 gewählten NRW-Landtag haben 142 der 199 Abgeordneten eine Hochschulausbildung – additionally mehr als 71 Prozent. Nimmt man die Abbrecher noch hinzu, ist die Größenordnung des akademischen Anteils quick so hoch wie in der Nationalversammlung.

Am stärksten ist die Akademisierung in der CDU und bei den Grünen ausgeprägt. In der Union verfügen 77,8 Prozent der Volksvertreter auf Landesebene über einen Hochschulabschluss. Bei den Grünen sind es zwar nur 64,3 Prozent. Dafür weist die Fraktion der Umweltschützer jedoch einen Anteil von 35,7 Prozent an Studienabbrechern auf. Offenbar haben sich viele Landtagsabgeordnete der Grünen schon früh in die Politik aufgemacht und darüber ihr Studium vernachlässigt. Rechnet man beide Gruppen zusammen, besteht die Fraktion ausschließlich aus Personen, die sich längere Zeit ihres Lebens in den Hörsälen der Republik aufgehalten haben. Der Spruch „Kreißsaal – Hörsaal – Plenarsaal“ hätte hier einen Kern von Wahrheit. Nur sieben Prozent der Grünen-Abgeordneten haben neben dem Studium auch einen Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Bei der CDU gibt es mehr, die eine Lehre absolviert haben – rund jeder Dritte. Ein Drittel davon hat aber darauf auch ein Studium aufgebaut.

Die Liberalen mit einem Anteil von 67,9 Prozent und die SPD mit 69,6 Prozent sind gleichfalls Akademiker-Parteien. Immerhin verfügen bei der FDP 25 Prozent ausschließlich über eine Berufsausbildung, bei der SPD sind es 23,2 Prozent. Auch hier gibt es eine größere Zahl von Abgeordneten, die sowohl eine Lehre wie auch einen Hochschulabschluss haben. Näher am Querschnitt des Landes ist ausgerechnet die AfD, die zwar mit 61,5 Prozent ebenfalls über einen überdurchschnittlichen Akademikeranteil verfügt, aber mit 30,8 Prozent den höchsten Satz von Abgeordneten aufweist, die ausschließlich eine zwei- oder dreijährige Berufsausbildung durchlaufen haben.

Verglichen mit den Beschäftigten in NRW besteht im Landtag ein krasses Missverhältnis der Abschlüsse. Im Jahr 2021 hatten lediglich knapp 17 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer im Land einen akademischen Grad. 59 Prozent der 7,1 Millionen Beschäftigten verfügten ausschießlich über eine berufliche Ausbildung, was noch immer stark für die praxisbezogene Kompetenz der Erwerbsbevölkerung spricht. Zweifellos eine Stärke des wirtschaftlich geprägten Bundeslandes Nordrhein-Westfalen. Das korrespondiert mit den Bildungsabschlüssen der Personen ab 15 Jahren. Hier haben lediglich knapp 40 Prozent das Abitur, während rund die Hälfte mit einem Abschluss von der Real- oder Hauptsschule kommen. Bedenklich: Jeder Zehnte hat gar keinen Abschluss. Das wiederum kommt im Landtag so intestine wie nie vor.

Andererseits geben in einem modernen Parlament wie der NRW-Vertretung nicht mehr Professoren und Staatsdiener allein den Ton an – wie noch in der Paulskirche in Frankfurt. Stattdessen sind neue akademische Berufe wie Politologen, Betriebswirte und Sozialwissenschaftler hinzugekommen. Aber noch immer sind 32 Abgeordnete aus dem Rechtsfach, darunter 28 Rechtsanwälte und vier sonstige Juristen. Ingenieure oder Informatiker sind dagegen Mangelware. Im Landtag gibt es ganze drei Vertreter, die ein technisches Studium absolviert haben. Sieht man von den Rechtsanwälten ab, sind auch die freien Berufe wenig vertreten – ein Architekt, zwei Mediziner und kein Apotheker oder Steuerberater.

Es dominieren neben den Juristen die kaufmännischen, pädagogischen und verwaltungstechnischen Berufe. 36 Abgeordnete nennen sich Kaufmann oder Kauffrau, 14 sind aus Schule oder Weiterbildung, zwölf wechselten aus dem Dienst der öffentlichen Verwaltung in das Parlament. Interessant: Es gibt keinen einzigen echten Professor oder Professorin im Landtag, dafür aber fünf wissenschaftliche Mitarbeitende.

Unterrepräsentiert im Verhältnis zur NRW-Bevölkerung sind Handwerker und Facharbeiter, aus deren Reihen gerade einmal 14 Abgeordnete kommen. Nur zwei Volksvertreter bezeichnen sich als Unternehmer. Nimmt man die angestellten und selbstständigen Geschäftsführer hinzu, sind es dann gerade einmal sieben – so viel wie Politikwissenschaftler. Journalistinnen und andere Medienberufe stellen zehn Abgeordnete, aus den Pflegeberufen kommen vier Volksvertreter und -vertreterinnen. Immerhin haben vier Landwirte und Landwirtinnen den Weg in das Parlament gefunden,

Mag es ein Übergewicht an juristischer und politikwissenschaftlicher Ausbildung bei den Abgeordneten geben, so fällt doch auf, dass die Richtungen der anderen Berufe recht weit ist. Da gibt es Soldaten, Polizistinnen, Betriebsräte und Gewerkschafterinnen, Volkswirte, Historikerinnen und Geografen. Zwar überwiegt der Staatsdienst als früherer Arbeitgeber bei vielen Abgeordneten, aber auch Selbstständige und Angestellte aus der Wirtschaft sind unter den Gewählten. Die komplexe Gesetzgebungsmaschinerie im Parlament erfordert oft eine Arbeitsweise, die juristische und politikwissenschaftliche Kompetenzen begünstigen. Handwerker und Facharbeiter werden von den vielen Vorschriften, Regelungen und rechtlichen Feinheiten eher abgeschreckt.

Trotzdem ist die fehlende Repräsentanz breiter Bevölkerungsschichten bedenklich, zumal die politischen Karrieren maßgeblich von kleinen Zirkeln innerhalb der etablierten Parteien bestimmt werden. Da setzt sich oft ein Vertreter oder eine Vertreterin der eigenen Blase durch. Es darf additionally nachgedacht werden, wie man in den Parlamenten die Menschen draußen im Lande besser abbildet und in ihren Sorgen adressiert. Noch besteht ein recht enges Verhältnis zwischen Gewählten und Wählergruppen. Das zerbröselt aber zunehmend, weil sich klassische Milieus auflösen. Die Folge wäre eine noch größere Entfernung zwischen den Lebenswelten von Abgeordneten und Bürgern.



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