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TV-Kolumne “heute Journal”: Kleber geht – im letzten Satz schwingt Wehmut mit


TV-Kolumne “heute Journal”: “Ich gehe”: Mit brüchiger Stimme nimmt Kleber nach 20 Jahren “heute Journal” Abschied

Guten Abend – und gute Nacht: Claus Kleber verlässt nach 2977 „heute journal“-Moderationen das öffentlich-rechtliche News-Business. Seinen letzten Auftritt als unser aller Nachrichtenmann beendet Kleber mit sehr nachdenklichen Worten.

„Es ist gewählt. Jetzt geht es nur noch darum, etwas Vernünftiges damit anzufangen. Guten Abend!“ Mit diesen Worten begann am 3. Februar 2003 die Karriere des promovierten Juristen Claus Kleber als Hauptmoderator und später Redaktionsleiter des „heute journals“. SPD-Mann Gerd Schröder ist damals gerade noch Bundeskanzler. Und Angela Merkel die Hoffnungsträgerin der Union.

 „So, mehr wird’s nicht“: Mit diesen Worten biegt Kleber an diesem 30. Dezember um 21.45 Uhr in seine letzte Runde. Denn mit dem letzten „heute journal“ des ausklingenden Jahres endet auch die Ära Claus Kleber: Der Anchorman des ZDF, inzwischen 66 Jahre alt, verabschiedet sich in den Ruhestand. Die Zahl 2977 hat er auf ein Papier geschrieben – so viele Male hat er seit 2003 sein Publikum mit „Guten Abend“ begrüßt. Ein 2978. Mal wird es nicht geben.

Fast 20 Jahre lang hat Claus Kleber im „heute journal“ mit sonorer Stimme und leicht geneigtem Kopf für uns den Tag zusammengefasst und uns dann in die nicht immer gute Nacht entlassen. Seine Aufgabe war nie nur die, Nachrichten vorzulesen. Er ordnete die Ereignisse des Tages für uns ein, gab ihnen einen persönlichen Anstrich und transferierte sie so ins kollektive Gedächtnis. Manche erschütternde Meldung schien ein bisschen erträglicher, weil da jemand aus dem TV-Rechteck blickte, der sichtbar ähnlich betroffen war wie die Menschen davor.

Kleber nimmt Abschied – und kauft dem ZDF ein paar Anzüge ab

Dass der endgültige Schritt ins Privatleben nicht immer leichtfällt, wissen viele Rentner. Doch die wenigsten müssen ihren Arbeitsplatz im Angesicht der Nation räumen. Claus Kleber dagegen verabschiedet sich nicht nur von den Kollegen um ihn herum, sondern auch von uns, dem Publikum. „Mit dem Moment muss ich dann fertig werden. Hoffentlich nicht, während die Kamera voll auf mich gerichtet ist“, verriet er vorab der „Bunte“. Und dass er dem ZDF zumindest einen Teil seiner Arbeitsanzüge „zu einem Ausverkaufspreis“ abkaufen wird. Vielleicht ist seine letzte Arbeitskluft – blauer Anzug, rote Krawatte – mit darunter.

Was sagt man, wenn man in Kürze nichts mehr zu sagen haben wird? Zunächst einmal sagt Kleber das, was an diesem 30. Dezember noch gesagt werden muss. Dass beispielsweise die aktuellen Corona-Inzidenzen noch „Feiertags-geschädigt“ sind. Und dass Omikron so etwas ist wie der Usain Bolt der Viren-Familie, gegen den man das Rennen eigentlich schon beim Startschuss verloren hat. Es sind Metaphern wie diese, mit denen Kleber oft das große Weltgeschehen heruntergebrochen hat auf ein Bild, das jeder versteht, der sich nicht bereits beim Querdenken verkeilt hat.

„Relativ normal“: Drostens Hoffnung für den Winter 2022

Bevor es an die allerletzte Abmoderation geht, befragt Kleber noch den Virologen Christian Drosten zum aktuellen Infektions-Geschehen. Der macht Hoffnung, dass Omikron jener virologische Lückenfüller sein könnte, der aus der Pandemie eine endemische Lage macht, indem das Virus alle Ungeimpften erwischt und – hoffentlich – zu Genesenen promoviert.

Für das zweite Quartal stellt Drosten aktualisierte Impfstoffe in Aussicht: „Ich denke, dass jeder Erwachsene sich noch einmal ein Update verschaffen sollte, also noch eine weitere Impfung.“ Der Winter 2022/2023, so Drosten, könnte dann ein „relativ normaler Winter“ werden. Also ein Winter, in dem man sich „einigermaßen bewegen“ kann. „Das klingt wie etwas, was zu schaffen sein sollte“, urteilt Kleber.

Der hörbare Gender-Gap: Kleber gönnte ihn sich 2020

Seit Claus Klebers Start als Nachrichten-Erklärbär des ZDF hat sich die mediale Fakten-Vermittlung grundlegend geändert. Der öffentlich-rechtliche Nachrichten-Mensch sitzt nicht mehr im Auge des News-Tornados, sondern wirbelt als eines von vielen Teilen des 360-Grad-Journalismus‘ um das Ereignis herum – in der Hoffnung, mit keiner Fake-News zu kollidieren. Kleber hat sich 2020 den hörbaren Gender-Gap in seinen Moderationen gegönnt, mehr Zugeständnis an den Zeitgeist war ihm nicht abzuringen. Anchorman zu sein bedeutet immer auch, Halt zu geben in windigen Zeiten.

Die vorletzten Worte der allerletzten Kleber-Journals kommen von seiner langjährigen Co-Moderatorin Gundula Gause, die sich „von Herzen“ im Namen der Redaktion für Klebers „großen journalistischen Geist“ bedankt. „Es war eine gute Zeit“, sagt sie, „wir werden dich vermissen, und ich ganz besonders.“ Dann greift sie noch etwas tiefer in die Emotionskiste: „Du gehst – und damit geht eine Ära zu Ende.“

Erst im letzten Satz schwingt Wehmut mit

Kleber selbst will sich nicht alleine mit ein paar warmen Worten vom Acker machen. „Wer sich hier jeden Tag einen Reim auf die Nachrichten macht, der kann nicht anders als mit Sorgen nach vorne schauen“, sagt er. Er spricht die Ukraine-Krise an, die harte Linie von China, die Demontage der Demokratie in den USA und die poröser werdende europäische Idee. Klebers Hoffnung liegt – auch – in den neuen Technologien: „Zum ersten Mal sind unsere Werkzeuge so mächtig wie unsere Probleme. Das kann was werden.“ Allerdings nur, wenn die Öffentlichkeit weiterhin bestmöglich, objektiv und umfassend informiert wird – und informiert werden will.

Ab und an „ändern sich die Nasen, die hier vorne stehen“, sagt er. „Gundula bleibt, ich gehe, Christian Sievers kommt. Alles gut.“ Hier bricht Klebers Stimme jetzt doch ein wenig, klingt ungewohnt mürbe und nach innerlichem Durchschlucken. Aber dann kommt auch schon die Abblende, Arm in Arm mit Gundula Gause verlässt Claus Kleber seinen Arbeitsplatz. Und lacht dabei.





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