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Wie sich das Verhältnis zur Berührung in der Pandemie ändert


Es sind zwei der brennenderen Fragen der Existenz: Wie kommt das Leben – manche würden sagen: wie kommt das Göttliche – in die Welt? Und: Wie können wir, gefangen in der Quarantäne unseres Bewusstseins, unseren Nächsten vermitteln, was wir empfinden? Die Antwort ist in beiden Fällen: durch Berührung. Michelangelo jedenfalls, kein ganz übler Gewährsmann, stellte sich für sein monumentales Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle den Augenblick der Erschaffung des Menschen als einen Akt größter Nähe zweier ausgestreckter Hände und deren Zeigefinger vor: hier Gott, mit wallendem Bart und einer Entourage diverser Engel und Engelartiger hinter sich, dort Adam, nackt und mit beeindruckendem Torso, der, um in dieser metaphorischen Umgebung zu bleiben, damit den Lebensfunken empfängt.


Bertram Eisenhauer

Verantwortlich für das Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Dass die beiden Finger sich eben gerade nicht berühren, sorgt für eine Erwartung, eine kinetische Spannung – die ihr fernes Echo dann übrigens in der menschlichen Intimität findet, über die nicht nur sensible Seelen sagen, einer ihrer köstlichsten Momente sei jener direkt vor dem Vollkontakt der Körper, am intensivsten wohl im Kuss: das Zögern, das Innehalten, das Auskosten, das Staunen über eine bevorstehende Kapitulation, die sehr willkommen ist. Diese Art der Berührung ist zugleich die intensivste Erscheinungsform ihrer, um es ganz kühl zu sagen, kommunikativen Funktion. Wir brauchen sie, um uns mitzuteilen. Sie bindet uns ein in die Welt.



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